Häufige Fragen

Beim Einsatz von technischen Assistenzprodukten in Alters- und Pflegeheimen spielen praktische, soziale, ethische, rechtliche und finanzielle Aspekte eine Rolle. CURAsolutions liefert Antworten auf die drängendsten Fragen.

  • Neben menschliche Beziehungen treten nach und nach maschinelle Vorgänge. Vereinsamen Heimbewohnerinnen und -bewohner da nicht?

    Es ist richtig, dass bei den assistierenden Technologien in Institutionen der Langzeitpflege in den kommenden Jahren rasante Fortschritte zu erwarten sind. Inbesondere der Einsatz von Robotertechnologie beim Transport oder bei der sozialen Interaktion mit Bewohnerinnen und Bewohnern dürfte zunehmen. In der Diskussion um die Assistenzprodukte herrscht bei allen Beteiligten die Überzeugung, dass die Technik den Menschen niemals ersetzen, sondern nur entlasten darf. Die Akzeptanz solcher Produkte ist nur dann gegeben, wenn sie die zwischenmenschlichen Beziehungen und die sehr persönlichen Pflege- und Betreuungshandlungen nicht in Frage stellen. Bewohnerinnen und Bewohner können sich natürlich trotzdem einsam fühlen, was allerdings nicht der Technik geschuldet ist. Assistenzprodukte dürfen der Einsamkeit nicht Vorschub leisten, sondern müssen sie im Idealfall lindern; ein Beispiel sind speziell für Senioren konzipierte Tablet-Computer.

  • Die technische Entwicklung schreitet rasant voran. Wo liegen die ethischen Grenzen des Machbaren?

    Unser Wertesystem beinhaltet die unverlierbare Würde jedes Menschen, seiner Eigenart und Eigenständigkeit. Technische Assistenzprodukte müssen dem Anspruch auf Selbstbestimmung, Freiheit, Privatheit und Sicherheit gerecht werden und die Lebensqualität von Heimbewohnerinnen und -bewohnern fördern. Ihre Grenzen liegen also grundsätzlich dort, wo sie gegen den Willen und das Wissen der betroffenen älteren Menschen eingesetzt werden. Bei Urteilsunfähigkeit überträgt sich dieses Einverständnis auf die stellvertretend entscheidungsberechtigte Person gemäss Erwachsenenschutzrecht. Wenn durch eine Technologie verschiedene Werte in Konflikt geraten, dann ist deren Einsatz sorgfältig abzuwägen. Dies kann zum Beispiel der Fall sein, wenn Bewegungsmelder und Weglaufschutz die Sicherheit eines Bewohners erhöhen, gleichzeitig aber dessen Privatheit und Freiheit einschränken. Freiheitsbeschränkende Massnahmen sind immer das letzte Mittel.

  • Zahlreiche Geräte überwachen bald jede Regung der Heimbewohnerinnen und -bewohner. Wo bleiben die Bewegungsfreiheit und der Datenschutz?

    Die Achtung des Privatlebens und der Schutz von persönlichen Daten ist in der Schweiz ein sehr hohes Gut und gesetzlich geregelt. An diese Vorgaben müssen sich auch Hersteller und Verwender von technischen Assistenzprodukten halten. Ein absoluter Schutz von Bewegungsfreiheit und persönlichen Daten wäre aber gerade für Personen im hohen Alter gefährlich. Es steigt etwa das Risiko, dass demenzkranke Personen auf der Strasse umherirren oder Bewohner aus dem Bett fallen und längere Zeit unbemerkt liegenbleiben. Verhältnismässige Eingriffe in die Bewegungsfreiheit und den Datenschutz durch Überwachungssysteme sind in diesen Fällen deshalb angebracht. Wenn immer möglich, ist beim Betroffenen oder seinem gesetzlichen Vertreter sein Einverständnis einzuholen (zum Beipiel zum Tragen eines GPS-Senders zur Standortbestimmung). Das neue Erwachsenenschutzrecht erhält in Art. 383 ff. klare Anweisungen, wann bewegungseinschränkende Massnahmen durch eine Pflegeeinrichtung ohne ausdrückliches Einverständnis erfolgen dürfen und welche Aufklärung und Protokollierung damit verbunden sind. Zudem sieht der Datenschutz vor, dass nur Personen in die geschützten Daten Einsicht erhalten dürfen, die eine Berechtigung dafür haben und diese Daten für die Betreuung und Pflege benötigen.

  • Jede Technik kann einmal versagen. Wie sicher sind die technischen Assistenzprodukte und wer haftet bei einem Ausfall mit fatalen Folgen?

    Gemäss Produktehaftpflichtgesetz haften die Hersteller grundsätzlich immer für den Schaden, den ein fehlerhaftes Produkt an Personen oder Sachen verursacht. Sie haften sogar dann, wenn man ihnen gar kein Verschulden am Schaden nachweisen kann. Wenn das Produkt nicht die Sicherheit bietet, die man unter Berücksichtigung aller Umstände erwarten darf, müssen Hersteller für den Schaden aufkommen. Deshalb tun sie alles dafür, vor allem drohende Personenschäden zu verhindern. Wenn der Fehler nicht beim Hersteller liegt, sondern beim Nutzer dieser Produkte – zum Beispiel, wenn ein Brandmelder wegen vergessenen Batteriewechsels ausfällt –, dann kommt gerade bei Pflegeinstitutionen die sogenannte Geschäftsherrenhaftung zum Tragen. Nach Obligationenrecht haftet der Geschäftsherr (Arbeitgeber/Betrieb) für den Schaden, den seine Arbeitnehmer oder andere Hilfspersonen in Ausübung ihrer dienstlichen oder geschäftlichen Verrichtungen verursacht haben. Es sei denn, er kann nachweisen, dass er alle nach den Umständen gebotene Sorgfalt angewendet hat, um einen Schaden dieser Art zu verhüten, oder dass der Schaden auch bei Anwendung dieser Sorgfalt eingetreten wäre. Wenn ein Schaden vor Gericht eingeklagt wird, verfügt der Richter über einen sehr grossen Ermessensspielraum: Er entscheidet, ob der Hersteller wegen eines Produktefehlers haften muss und/oder ob sich die Institutionen und Personen pflichtgemäss organisiert und verhalten haben.

  • Technische Assistenzprodukte sind ein zusätzlicher Kostenfaktor. Wird der Heimauftenthalt künftig also noch teurer?

    Die Kosten eines Heimaufenthalts hängen von vielen verschiedenen Faktoren ab und werden von mehreren Parteien getragen. Eine allfällige Kostensteigerung durch den vermehrten Einsatz von assistierender Technologie ist deshalb schwierig abzuschätzen, zumal auch nicht klar ist, wie stark diese die Heimlandschaft durchdringen wird. Zudem ist eine Gesamtrechnung zu machen: Neue Technologien, gerade im Administrationsbereich, können auch zu Effizienzgewinnen führen. Zum Beispiel hilft eine integrierte Software für Personalplanung, Leistungserfassung und -abrechnung, die Verwaltung schlank zu halten. Betrachtet man technologie Assistenzprodukte im Kontext von eHealth, also dem Einsatz von Informations- und Kommunikationstechnologien im Gesundheitsbereich ganz allgemein, dann sind neue, dezentrale Wohnformen denkbar, die einen ungleich grösseren, aber ebenso unbekannten Einfluss auf die Heimfinanzen haben dürften.

  • Technische Assistenzprodukte entlasten das Heimpersonal. Doch wann wird die menschliche Arbeitskraft ganz durch Roboter abgelöst?

    Es gibt Studien, die davon ausgehen, dass ein erweiterter Einsatz assistierender Technologien in Zukunft mithelfen könnte, den zu erwartenden Mangel an Pflegefachpersonen ein Stück weit abzufedern. Konkret geht es in der sogenannten sozialen Robotik um Geräte, welche die Pflege bei körperlich anstrengenden Verrichtungen (z. B. heben, wenden, mobilisieren von Bewohnern) unterstützen und entlasten können. Daneben wird an Robotern gearbeitet, die anspruchslose, aber unter Umständen zeitaufwändige Arbeitsgänge selbständig ausführen können: Getränke apportieren, Mahlzeiten anliefern, Post verteilen, Wäsche aus der Wäscherei auf die Stationen transportieren usw. Ein weitergehender Einsatz von Robotern bis hin zum vollständigen Ersatz der menschlichen Arbeitskraft ist jedoch von niemandem erwünscht.

  • Quelle:

    Dr. Heinz Rüegger: Ethische Aspekte im Umgang mit assistierender Technologie in Institutionen der Langzeitpflege, herausgegeben von CURAVIVA Schweiz, Bern 2015.